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Wo Gefolgsmänner und Konfidentinnen Hauptrollen spielen

Aktualisiert: vor 5 Tagen

Guy Cassiers wertet in seiner Inszenierung von Jean Racines Tragödie „Bérénice“ an der Comédie-Française Schattenfiguren zu Menschen aus Fleisch und Blut auf

 

Was haben Regisseure bloß mit Racines „Bérénice“? Letztes Jahr hatte Romeo Castellucci in einer vieldiskutierten Produktion sämtliche Rollen bis auf die titelgebende gestrichen. Deren Text ließ er – am Stück – durch Isabelle Huppert aufsagen, jeden Halbsatz, jeden Ausruf inbegriffen. Als Performance mochte das faszinieren, als Inszenierung war es abstrus. Wer das Originalstück nicht bestens kennt, wusste oft nicht, wo eine Szene endete und wo die nächste begann, mit wem Bérénice gerade sprach – und worum es überhaupt ging. Mit Racines Tragödie hatte die Produktion nur am Rande zu tun: Huppert hätte mit ähnlichem Effekt auch die Bibel, das Telefonbuch oder „The Art of the Deal“ rezitieren können. (Ich habe Castelluccis Inszenierung hier besprochen.)


Jetzt inszeniert Guy Cassiers den Fünfakter am Théâtre du Vieux-Colombier, der mittleren Bühne der Comédie-Française. Und verteilt vier von sechs Sprechrollen auf zwei Schauspieler (einen bloß mit fünf Versen betrauten Boten nicht mitgezählt). Zum besseren Verständnis hier die Ausgangssituation: Im antiken Rom schicken sich zwei Mächtige zu einer Unterredung mit Bérénice an. Titus, der neue Caesar, hat seit Jahren ein ungetrübtes Liebesverhältnis mit der nahöstlichen Königin. Doch wo diese einen Antrag erwartet, will der frischgesalbte Imperator sich ganz im Gegenteil für immer von ihr trennen. Denn wenig zuvor hatte er eine Art Erleuchtung: Roms Gesetze verbieten seinesgleichen die Heirat einer Nichtrömerin, erst recht einer Fremden, die die den Römern verhasste Königskrone trägt. Um seines Amtes wie seiner Ahnen würdig zu sein, muss er sich von der Geliebten lossagen. Antiochus seinerseits, der als Herrscher eines Nachbarstaats einst vergeblich um Bérénices Hand angehalten hatte und seither zum Konfidenten der verbotenen Beziehung geworden ist, will der Königin noch vor deren erwarteter Erhebung zur Kaiserin gestehen, dass er sie noch immer liebt. Wie wird Bérénice auf beide Erklärungen reagieren?


In Suliane Brahims Interpretation tut sie es mit nobel gelassener Empörung beziehungsweise leidend arioser Verstörung. Im Glück ist diese Königin sanft lächelnd und lind melodiös, als wiegten innere Lautenklänge ihren Sprechgesang. Im Unglück klagt sie elegisch oder zürnt con fuoco, aber stets gebunden, nicht gestoßen, wohltönend, nicht dissonant. Das entspricht der gedämpften Grundstimmung des Stücks, dem, wäre es eine Partitur, die Vortragsbezeichnung „mezza voce“ voranstünde. Und schreibt sich ein in eine Aufführungstradition, die, zumal an der Comédie-Française, das verfeinerte Handwerk dem beifallheischenden Bildersturm vorzieht – Racine ist in Frankreich eine heilige Kuh, die mancher Regierevoluzzer zu schlachten träumt.


Die zarteste und unglücklichste Liebe: Suliane Brahim als Bérénice (Bild: Christophe Raynaud de Lage Coll. CF25)
Die zarteste und unglücklichste Liebe: Suliane Brahim als Bérénice (Bild: Christophe Raynaud de Lage Coll. CF25)

Doch von größerem Interesse, weil weniger erwartet, ist Cassiers‘ Zeichnung der beiden männlichen Hauptprotagonisten und der jeweils beigesellten Nebenfigur. Jérémy Lopez verkörpert in dieser Inszenierung sowohl Titus als auch Antiochus: eine Leistung, die schon allein der Gedächtnisarbeit wegen beeindruckt. Ersteren gibt er jünglingshaft-fiebrig, mit einer Tenorstimme, die sich oft vor Nervosität zu überschlagen droht, und einer gehetzten Gestik, der das Souveräne des altrömischen Souveräns fehlt. Letzterem verleiht er ein Baritonorgan, das fester in sich ruht, aber auch eine Spur desillusioniert, wo nicht gar depressiv tönt. In den Szenen, wo die beiden aufeinandertreffen, bleibt jeweils einer als eine Silhouette im Hintergrund, die mit der entsprechenden – per Band eingespielten – Stimme spricht; am Schluss verschmelzen Kaiser und König zu einer Figur.


Jérémy Lopez verkörpert ohne Mantel Kaiser Titus, mit Überzieher König Antiochus (Bild: Christophe Raynaud de Lage Coll. CF25)
Jérémy Lopez verkörpert ohne Mantel Kaiser Titus, mit Überzieher König Antiochus (Bild: Christophe Raynaud de Lage Coll. CF25)

Alexandre Pavloff spielt seinerseits sowohl Titus‘ Konfidenten Paulin als auch Antiochus‘ Gefolgsmann Arsace. Letzterer ist ein Rassehund aus dem Orient, pfiffig, ja spöttisch und gleichsam stets in geistiger Habachtstellung. Ersterer evoziert einen Hofeunuchen oder machiavellistischen Seelsorger, den eine erfolgreiche Laufbahn reizbar, ja jähzornig gemacht hat. Seine zuckrig näselnde Stimme wird schnell schrill, seine weichliche Gestik kann ins Gewaltsame umschlagen: So dreht er einmal Titus‘ Kopf mit beiden Händen weg von Bérénice. Bornierte Geister, die überall, nur nicht in der eigenen Gemeinde Missbrauch wittern, würden sagen, dass Paulin den Kaisersohn groomt. Gern wüsste man, was in ihm vorgeht, wenn er Titus tätschelt oder hinter halb geschlossenen Lidern jede Regung seines kaum emanzipierten Mündels verfolgt.


Grooming am Kaiserhof? Paulin (Alexandre Pavloff, links) tätschelt Titus (Bild: Christophe Raynaud de Lage Coll. CF25)
Grooming am Kaiserhof? Paulin (Alexandre Pavloff, links) tätschelt Titus (Bild: Christophe Raynaud de Lage Coll. CF25)

Es ist in klassischen Dramen nicht üblich, dass Vertraute der Hauptfiguren ein Eigenleben gewinnen. Kaum je fragt man sich, was ihre Motive und Gefühle sein mögen. In dieser Inszenierung scheint Arsace die Sorge um seine privilegierte Stellung in der Hauptstadt des Römerreichs anzutreiben, derweil intimere Beweggründe Paulins Herz (erratisch) schlagen machen. Selbst Bérénices Gefolgsfrau Phénice, durch Clotilde de Bayser mit habichtäugiger Intensität versehen, erlangt hier ein ungewohnt präsentes Profil.


So gelingt Cassiers, was Castellucci missglückt war: Eine eigentliche Lesart des Textes vorzulegen. Diese ist nicht durchweg stringent, aber oft stimulierend. Und das mittelalterlich-museal abstrahierte Bühnenbild, die Doppelgänger-Kostüme in Nuancen von Beige, Braun und Rostrot sowie der ausgesparte Soundtrack zwischen nah- und fernöstlichen Zupfinstrumenten, zwischen elektronischen Kristallglocken, Metallklängen und Maschinenvibrationen bilden einen poetisch-fremden Schrein für die unerhörte, unerreichte Schönheit von Racines Sprache.


Zwischen Kathedrale, Kunsttempel und Kaiserpalast: das Bühnenbild von Guy Cassiers und Bram Delafonteyne (Bild: Christophe Raynaud de Lage Coll. CF25)
Zwischen Kathedrale, Kunsttempel und Kaiserpalast: das Bühnenbild von Guy Cassiers und Bram Delafonteyne (Bild: Christophe Raynaud de Lage Coll. CF25)

 

 

Guy Cassiers’ Inszenierung von Jean Racines „Bérénice“ spielt noch bis zum 11. Mai am Pariser Théâtre du Vieux-Colombier – und ist erwartungsgemäß schon ausverkauft.

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