Von Brücken und Büchern
- marczitzmann
- 3. Okt. 2024
- 3 Min. Lesezeit
Gebrauchtbuchhändler unter offenem Himmel: Paris besitzt die weltgrößte Kolonie von Bouquinisten
Ich bin schon lange da. Seit über vierhundert Jahren verkaufe ich im Herzen von Paris Bücher. Dem Naturgesetz des Horror Vacui folgend (das auch ein Handelsgesetz ist), kolonisierte ich Anfang des 17. Jahrhunderts gemeinsam mit dreiundzwanzig Berufskollegen den frisch vollendeten Pont Neuf zwischen Louvre und Île de la Cité. Dieser trug im Gegensatz zu älteren Brücken keine Häuser, bot also Raum für Auslagen unter freiem Himmel. Meine gedruckte Ware legte ich wie heute in Kisten, nur waren diese viel kleiner und – mittels Riemen – tragbar. So migrierten wir, im Lauf der Jahrzehnte mehrmals vom Pont Neuf verjagt, auf andere Brücken oder pendelten zwischen den Ufern hin und her, die Quais beidseits der Île de la Cité besiedelnd. Auch aufgrund dieser Mobilität waren wir den Behörden des Ancien Régime ein Dorn im Auge: Sie hatten es schwerer als bei sesshaften Buchhändlern zu kontrollieren, ob wir Gedanken-Kolporteure politische oder religiöse Pamphlete beziehungsweise Skandalblätter feilboten.

Das änderte sich auch nach der Revolution nicht, als die Gilden aufgehoben wurden und jeder Bürger, mit dem entsprechenden Patent versehen, Bouquinist werden konnte. So suchte zur Restaurationszeit eine strenge Zensur zu verhindern, dass junge Leute und „die letzten Klassen der Gesellschaft“ in Berührung kamen mit Schriften, die jahrhundertelang grauhaarigen Gelehrten, Geistlichen oder Adligen vorbehalten gewesen waren. Ein Teil meines Sortiments bestand bis weit ins 19. Jahrhundert hinein aus Druckwerken, die zwischen 1789 und 1792 in Schlössern, Klöstern und Akademien beschlagnahmt worden waren.

Napoleon III. begründete auch in diesem Verwaltungsgebiet eine Ära, die man „modern“ nennen kann. Unter seiner Ägide wurden uns 1859 auf den Brüstungen der Quais feste „Stellplätze“ für unsere Kisten zugeteilt. Allerdings nur tagsüber: Allabendlich mussten wir die Ware in eine Remise verfrachten. Doch seit 1891 dürfen die Kisten auch die Nacht über bleiben – die Bücher schützt ein Schloss vor Dieben, ein Tuch vor Nässe. Seit jenem Jahr sind die Kisten auch normiert: 2 Meter breit, der Deckel nicht mehr als 210 Zentimeter hoch, damit er die Sicht nicht versperrt. Ihren Grünton erhielten sie im Weltausstellungsjahr 1900: „vert wagon“, wie die Waggons der neuen Metro.

Heute ist alles streng reglementiert. Der (oder die – das Wort ist sowohl männlich als auch weiblich) Bouquinist muss eine Gewerbelizenz besitzen, zahlt aber weder Miete noch Konzession. Dafür ist er (oder sie) verpflichtet, mindestens vier Tage pro Woche zu öffnen, außer bei Unwetter. Von den je vier Kisten sind drei für alte und/oder gebrauchte Bücher sowie Drucke vorbehalten, die letzte darf auch Münzen, Medaillen, Postkarten und alte Briefmarken enthalten (Souvenirs wie Miniatureiffeltürme sind ungern gesehen, aber wirtschaftlich oft überlebensnotwendig).
Viele meiner Kollegen spezialisieren sich jeweils auf ein oder mehrere Gebiete: Geschichte, Philosophie, Kochkunst oder Kriminalliteratur. Es heißt, die meisten von uns entstammten dem Klein- oder Großbürgertum, seien (hoch)gebildet und hätten vordem im Kultur- oder Auktionssektor gearbeitet. Was uns nicht daran hindert, einen Bauerninstinkt für Wetterumschwünge zu besitzen und, zur Aperozeit auf Campingstühlen vereint, Beaujolais aus Plastikbechern zu schlürfen.

Bouquinisten gibt es auch woanders. Aber Paris besitzt die weltgrößte Kolonie: rund 230 Freilufthändler auf einer Gesamtstrecke von 3 bis 4 Kilometern. Doch ist das fragile Ökosystem bedroht. Nach den Gelbwesten-Unruhen und den Covid-Lockdowns sollten vor den Olympischen Spielen weit über vierhundert Kisten abmontiert werden. Als Gründe wurden vage die „Sicht“ der Besucher der Eröffnungszeremonie beziehungsweise die „Sicherheit“ angeführt. Die Demontage und Remontage nach Wochen oder Monaten hätten viele der Kleinstgewerbe nicht überlebt. 184 500 Petitionäre erhoben Einspruch; Kollegen drohten, sich an ihre Kisten zu ketten; am Ende sprach Jupiter von Élysée herab ein Machtwort gegen das unsinnige Ansinnen.
Unsere Langzeitperspektive sehe drum nicht rosiger aus, unken viele Beobachter: Leserschwund, Nachwuchsmangel, Abwandern des Gebrauchtbuchhandels ins Netz. Der unlängst veröffentlichte Band „Bouquinistes de Paris“ mit sensiblen Texten und verwaschenen Schwarzweißbildern der Fotografin Irène Jonas trägt den ominösen Untertitel „Die letzten Mohikaner“. Aber wir sind schon lange da – und werden es hoffentlich auch noch länger sein.
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