„Huris“ in der Hölle
- marczitzmann
- 2. März
- 5 Min. Lesezeit
Ein schlechter Roman hat den Prix Goncourt erhalten – das ist nichts Neues. Doch bei den franko-algerischen Polemiken um Kamel Daouds prämierten Bestseller geht es nicht um Literatur, sondern um Politik und um Ethik.
Etwas ist faul im Staate Algerien. Die Geister der Opfer des schwarzen Jahrzehnts, des algerischen Bürgerkriegs zwischen 1992 und 2002, rufen sich anlässlich einer literarisch-politischen Polemik dieser Tage machtvoll in Erinnerung; ihren traurigen Tross begleiten Modergeruch und das Echo ferner Todesschreie. Der blutige Bruderkampf zwischen Algeriens Militärregime und Islamistengruppen hatte laut Schätzungen 60 000 bis 200 000 Menschenleben gefordert. Eine „Charta für den Frieden und die nationale Versöhnung“ verbietet seit 2006 die „Benutzung oder Instrumentalisierung der Wunden der nationalen Tragödie“ unter Androhung mehrjähriger Gefängnisstrafe; faktisch ist es fast unmöglich, vor Ort den Bürgerkrieg zu thematisieren.
Genau das tut „Houris“, der letzte Roman des 1970 bei der Hafenstadt Mostaganem geborenen Kamel Daoud. Nachdem Daouds Romanerstling „Meursault, contre-enquête“ (Deutsch: „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“), eine Umschrift von Albert Camus’ „Der Fremde“, 2015 den Prix Goncourt du premier roman gewonnen hatte, errang nun „Houris“ vergangenes Jahr den eigentlichen Prix Goncourt, Frankreichs verkaufsförderndsten Literaturpreis. Der Exil-Algerier und Wahlfranzose ist sowohl dem Regime als auch den in seinem Geburtsland noch immer sehr präsenten Islamisten verhasst. Letzteren, weil Daoud seit 1996 als Kolumnist des „Quotidien d’Oran“, der Tageszeitung der zweitgrößten Stadt des Landes, die Gängelung der Frauen, die Unterdrückung der Sexualität und ganz allgemein den lähmenden Einfluss des religiösen Rigorismus’ ins Visier genommen hatte. Ersterem, weil er an Algeriens 2019 verstorbenem langjährigem Präsidenten Abdelaziz Bouteflika kein gutes Haar lassen mochte und auch unter dessen zwei Nachfolgern immer wieder an Tabuthemen zu rühren wagte.

So auch in „Houris“ mit seinem Fokus auf das schwarze Jahrzehnt. Im ersten Teil des Romans brütet eine 26-Jährige über den missglückten Versuch von Islamisten, sie Ende 1999 zu ermorden, und über ihr seitheriges Leben mit durchgeschnittener Kehle bis zur Erzählgegenwart, vier Tagen im Juni 2018. Im zweiten Abschnitt begegnet die junge Frau auf ihrer Reise zu ihrem Heimatdorf, dem Ort des seinerzeitigen Massakers, einem Buchhändler und Verleger, der ihr auf einer langen Autofahrt sein eigenes Los als traumatisiertes Bürgerkriegsopfer ausmalt: Während alle von Amnesie befallen scheinen, erinnert er selbst wie unter Zwang Namen, Daten, Orte und Zahlen. Das letzte Drittel von „Houris“ endlich schildert, wiederum aus der Perspektive der jungen Frau, deren vergeblichen Versuch, den Bewohnern des Heimatdorfs das seinerzeitige Blutbad in Erinnerung zu rufen, und ihren symbolisch überhöhten Zweikampf mit einem doppelgesichtigen Imam.
In literarischer Hinsicht bildet der Roman eine Enttäuschung. Die Thematik an sich ist bereits bleich und bleiern, Daouds Stil mit seinem Mangel an Farbe und Flexibilität drückt die Stimmung noch zusätzlich. Steif-gestelzte Formulierungen und hinkende Vergleiche („[die Mutter] fiel auf den Boden, als hätten ihre Knochen sie auf einen Schlag verlassen“) machen die Lektüre zum Ausdauertraining. Grobe Grammatikfehler („Du, der Du Dich lustig machte“) bezeugen, dass weder bei der Konzeption noch bei der Korrektur viel Sorgfalt auf den Text verwandt wurde. Die Unterteilung der über 400 Seiten in 100 Kapitelchen ohne stark strukturierte Erzählbögen verleiht „Houris“ etwas zugleich Langfädiges und Kurzatmiges. Die durchgehend monologische Narration erzeugt Monotonie; die Erzählsituation wirkt oft künstlich und konstruiert. So spricht im ersten Teil eine unfreiwillig Schwangere unter vielen „verstehst Du? siehst Du? weißt Du“ den Fötus an, den sie abzutreiben gedenkt, derweil im zweiten ein an verbaler Inkontinenz leidender Exaltierter vor einer quasi stummen Unbekannten, die er am Rande der Autobahn aufgelesen hat, sein intimstes Innenleben ausbreitet.
Der Goncourt ist ein Preis für Halbbildungsbürger, für TV- und Radio-Moderatoren, die Promotion mit Information verwechseln, und für Zeitgenossen, die nicht lesen, aber an Weihnachten ihre Liebsten mit einem Pfund Hochkultur beglücken wollen. Er zeichnet meist vielhundertseitige Epen aus, die in bedeutungsschwerer Prosa leidvolle Einzelschicksale in tragischen Zeiten und an den dazugehörigen emblematischen Orten ansiedeln. „Houris“ ist repräsentativ für den Geschmack der Goncourt-Jury.
Aber um Literatur geht es hier gar nicht. Vielmehr um Politik und um Ethik. In Algerien gilt Daoud, nicht erst seit der „Goncourisierung“ von „Houris“, als ein schlechter Muslim und ein Landesverräter. Seine langjährige, couragierte Anprangerung des Islamismus’ ahndete ein salafistischer Prediger schon 2014 mit einer Facebook-Fatwa. Und Daouds Annahme der französischen Staatsbürgerschaft 2020, seine Übersiedlung nach Paris 2023, erst recht seine Thematisierung des Bürgerkriegs in „Houris“ – wo das diskreditierte Regime doch aus durchschaubaren Gründen einzig den Befreiungskrieg von 1954 bis 1962 verhandelt und verherrlicht sehen möchte –, brachten ihm in seinem Geburtsland den Ruch eines Überläufers zur einstigen Kolonialmacht ein.

In Frankreich wiederum erhält Daoud Zuspruch aus dem recht(sextrem)en Lager, weil seine Kolumnen für das identitäre Pariser Wochenblatt „Le Point“ oft um Themen wie „Banlieues“, „Islam“ und „Unsicherheit“ kreisen. Linke, dekoloniale Stimmen zeihen ihn hingegen der Islamophobie – so 2016, als er in „Le Monde“ die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht 2015 in Deutschland geißelte. Neunzehn Soziologen, Historiker und Politikwissenschaftler warfen ihm da in einem offenen Brief vor, „die abgegriffensten orientalistischen Klischees“ zu recyceln.
Jüngst hat sich die Polemik aufs juristische Terrain verlagert. Eine junge Algerierin, Saâda Arbane, erstattete in Oran und in Paris Anzeige gegen den Romancier: Die Hauptfigur von „Houris“ sei ihrer eigenen Lebens- und Leidensgeschichte abgekupfert. Daoud entgegnete in „Le Point“, seine Heldin habe nichts gemein mit der Klägerin bis auf die Verletzung – und eine solche finde man bei Hunderten von Algerierinnen und Algeriern. Er unterstellte Arbane, durch das Regime manipuliert zu sein – ihre Adoptivmutter ist eine ehemalige Gesundheitsministerin. Und er verwies auf den Umstand, dass jede und jeder im Lande ihr trauriges Los kenne: „Sie hat ihre Geschichte überall erzählt“.

Die Onlinezeitung „Mediapart“ leistete wieder einmal die Recherchearbeit, zu der Frankreichs übrige Medienorgane nicht fähig oder willens sind – und strafte Daouds Äußerungen in einem langen Beitrag am 14. Februar Lügen. Arbane ist laut algerischen und französischen Ärzten die Einzige weitherum, die den Versuch des Durchschneidens der Kehle überlebt hat und seitdem eine Kanüle am Hals trägt. Ihr Schicksal wurde ein einziges Mal erwähnt, in einem Amsterdamer Magazin, dem Arbanes Adoptivmutter 2022 in vier Zeilen die Adoption des kleinen Mädchens und dessen Vorgeschichte geschildert hatte. Sonst sprechen die Betroffene wie ihre Familie nie öffentlich über die Gräuel, die dem Kind einst zugefügt wurden.
Hingegen, und dies mutet in berufsethischer Hinsicht stoßend an, war Arbane acht Jahre lang in psychiatrischer Behandlung bei Daouds Gattin. Diese habe 2021 und 2022 die junge Frau und deren Adoptiveltern um die Erlaubnis für ihren Mann gebeten, deren Geschichte literarisch zu verarbeiten – die Antwort lautete jeweils: Nein. Im Roman finden sich laut der Patientin Informationen, die sie allein ihrer Ärztin anvertraut hat – etwa, dass sie wegen ihrer Stimme in der Schule mit dem grausamen Spottnamen „Donald Duck“ gerufen wurde.
Die Klageschrift führt nicht weniger als 28 Gemeinsamkeiten zwischen Daouds Heldin und Arbane auf. Beide leben in Oran im vierten Stock eines „Baus C“ im Viertel Hai El Yasmine, ihre biologischen Eltern waren Schäfer, sie tragen eine Tätowierung (in Algerien eine seltene Transgression), wurden durch eine einflussreiche Frau adoptiert, die sich weigert, das Opferfest zu feiern, haben ein „Lycée Lotfi“ besucht, lieben Parfums und Pferde, haben einen Schwangerschaftsabbruch „mittels drei Pillen“ erwogen, betreiben einen Friseursalon usw. usf.
Arbanes Anwälte, die von einer Verletzung der Intimsphäre sprechen, sind sich bewusst, dass im Reich der Fiktion andere Gesetze herrschen. Aber im Fall von „Houris“ habe man es mit „massiven Anleihen bei der Biografie einer Dritten“ zu tun: Die Prädation ersetze bei Daoud die Imagination.
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