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Gefangen zwischen Sahel und Sahara

Der französische Journalist Olivier Dubois veröffentlicht einen sehr unmittelbaren Erlebnisbericht über seine „711 Tage in den Händen al-Qaidas“


„In diesem Beruf gibt es Momente, wo man loslassen muss, wo man einen Schritt ins Unbekannte tun muss, um an die entscheidende Information heranzukommen“, schreibt Olivier Dubois. Im verhältnismäßig temperierten Westen ist das Schlimmste, was einem couragierten Journalisten passieren kann, ein Verweis auf unbestimmte Zeit aus dem Präsidentenbüro eines starken Mannes mit schwachen Nerven. In heißeren Weltgegenden ist es ungleich riskanter, den Boden unter den Füssen zu verlieren.


So hatte sich Dubois, Mali-Korrespondent der Pariser Blätter „Jeune Afrique“, „Libération“ und „Le Point“, am 8. April 2021 vom befriedeten Bamako ins gefährliche Gao begeben, um einen hohen Verantwortlichen einer al-Qaida-Filiale mit dem französischen Akronym GSIM zu interviewen. In dem Moment, wo der Franzose den Wagen seines Fixers verließ, um in jenen der Mudschahedin einzusteigen, war sein Schicksal besiegelt. Der Schritt ins Unbekannte kostete den couragierten Journalisten fast zwei Jahre seines Lebens.


„Gefangener der Wüste. 711 Tage in den Händen al-Qaidas“, so die Übersetzung des Titels von Dubois‘ jüngst erschienenem Erlebnisbericht, ist in der Froschperspektive verfasst. Der Leser weiß ebenso viel – sprich: ebenso wenig – wie der Ich-Erzähler. Der Akzent des 360-seitigen Buchs liegt auf der menschlichen Unmittelbarkeit: dem Auf und Ab des Gemüts; dem Flattern der Sinne, die vielfältigen, oft feindlichen Reizen ausgesetzt sind; dem Arbeiten der Hirnrädchen, die Tag und Nacht Fluchtszenarien entwerfen.


(Bild: PD)
(Bild: PD)

Schon der erste Satz macht klar, in welche Richtung der Wind weht (oder eben auch nicht): „Ich miefe!“. Hygiene ist in den Lagern zwischen Dornstrauchsavanne und Trockenwüste, von denen der Entführte bis zu seiner Freilassung ein gutes Halbdutzend durchläuft, ein permanentes Problem. Zwar erhält der Gefangene Seife, bisweilen auch Shampoo, aber das Wasser wird in Riesenkanistern geliefert und ist rationiert. In den flirrend heißen Sommern reichen die täglich zugeteilten 10 Liter gerade einmal, um den Durst zu stillen; in den frostigen Wintern verzichtet Dubois oft ganz auf eine Katzenwäsche mit Eiswasser. Eine Infektion, durch die Kälte gefördert, zerfrisst der Geisel prompt das Gesicht – am Ende müssen die Wächter per Radio Antibiotika anfordern. Das Erledigen des großen Geschäfts ohne WC noch Toilettenpapier (aber mit Fußfesseln) nimmt sich demgegenüber fast erträglich aus.


Noch größere Qualen bereiten die Insekten. Grässliches Getier plagt den Gefangenen: Ameisen (darunter eine silberweiße Sorte, die seinen Leib „wie eine Autobahn benutzt, innerhalb einer halben Sekunde vom Bauch zur Nase flitzend“); massive, schwarzweiß gestreifte Panzertiere, die mit gezahnten Mandibeln die Zehen zwicken; Raupen mit Brennhaaren, die von Bäumen herab ins Essen plumpsen; Skarabäen und Skorpione. Einmal bohrt sich gar eine krabbelnde Kreatur tief hinein in Dubois‘ Achsel und saugt tagelang Blut, mit den Hinterbeinchen zappelnd. Nicht zu vergessen die Sturzregen und Sandstürme, denen der Gefangene und seine Unglücksgenossen ohne rechten Schutz ausgesetzt sind.


Zwei Tage nach seiner Entführung wurde Dubois gezwungen, vor laufender Kamera einen Lebensbeweis zu erbringen. (Bild: flickr)
Zwei Tage nach seiner Entführung wurde Dubois gezwungen, vor laufender Kamera einen Lebensbeweis zu erbringen. (Bild: flickr)

Denn neben Dubois finden sich bis zu zehn weitere Insassen in den Lagern: Lokale Kriminelle, Mitglieder der Konkurrenzorganisation Islamischer Staat, aber auch zwei Westler, von denen einer, der Südafrikaner Gert Jacobus van Deventer, gut 19 Monate an der Seite des Franzosen verbringt. Die beiden teilen meist ein Zelt und kochen gemeinsam – als „Milchkühe“, die Millionen an Lösegeld einbringen sollen, dürfen sie gelegentlich Nahrungsmittel bestellen. Auf Französisch oder die Tuaregsprache Tamascheq radebrechend kommunizieren sie verbotenerweise mit anderen Gefangenen und hecken Fluchtplan auf Ausbruchversuch aus. Letztere Vorhaben sorgen für Action und Spannung, scheitern aber allesamt.


Die Wächter wirken dabei erstaunlich lax: Sie lassen Handys, Handgranaten, ja Panzerabwehrminen und -lenkwaffen herumliegen. Aber sie können es sich leisten, die Nacht durchzuschnarchen – selbst wer dem Lager entfliehen kann, strandet irgendwo im Sand. Dubois‘ Porträtgalerie der selbsternannten Gotteskrieger ist schillernd: Es finden sich da Gerechte und Gecken, Strategen und Streithähne, Psychotiker mit PTBS und Erektionsstörungen sowie Simplicissimusse, die aus Langeweile in die Wüste feuern. Dubois, oft aufmüpfig, wird bestraft, aber nie brutalisiert. GSIM ist in Bezug auf Westler nicht der Islamische Staat, auch wenn die Gruppe Franzosen hasst. Die trikoloren Kämpfer der (Ende 2022 eingestellten) Operation „Barkhane“ sind ihrerseits unsichtbar, aber sehr präsent: Der Schatten eines Flugzeugs, das Surren einer Drohne verbreitet Unruhe unter den Wächtern und löst oft gar die Flucht ins nächste Lager aus.


Der Dreischritt aus Eingewöhnung in ein neues Versteck, monotonem Wüstenalltag und überstürztem Umzug hätte sich ad infinitum wiederholen können. Am Ende hat vermutlich der französische Staat Lösegeld gezahlt oder Gefangene freigelassen – auf Druck von Dubois‘ Familie sowie von Medien wie RFI. Am achten jedes Monats strahlte Frankreichs Auslandshörfunk Botschaften der Frau, der Kinder und der Eltern des Verschleppten aus. Die Solidaritäts- und Liebesbezeugungen hielten diesen ebenso am Leben wie die Kampfsportübungen und die journalistischen Aufgaben, die er sich auferlegte. „Gefangener der Wüste“ ist so aus Notizen hervorgegangen, die Dubois insgeheim auf Papier und Plastik bettete – und die er in die Freiheit hinüberretten konnte, als er diese am 20. März 2023 wiedererlangte.


Dubois in einem zweiten Video aus der Gefangenschaft im Frühjahr 2022 (Bild: flickr)
Dubois in einem zweiten Video aus der Gefangenschaft im Frühjahr 2022 (Bild: flickr)

Das Buch, schnörkellos geschrieben, aber unsauber lektoriert, enthält Bilder und Szenen, die ein Romancier oder ein Filmregisseur mit Gespür für Atmosphärisches zu stillen, surrealen Visionen weiterträumen könnte. So der nächtliche Besuch eines Motorradfahrers mit Frauenstimme. Eine Spritztour über Sand und Stein zwischen zwei „turbangekrönten Sumos“. Eine Klappermähre von Wüstenesel, die dem Entführungsopfer im Dornenwald Nahrungsreste abzuluchsen sucht. Dschihadisten, die unter falschen Vuitton-Decken schlafen, schwarze Perfectos tragen wie Elvis und schallend lachen über Buster-Keaton-Filme. Diskussionen über die Glorie des Todes als Schahid-Kamikaze. Eine orangeverschleierte Frau, die wie eine Fata Morgana jäh in der mineralischen Ödnis aufleuchtet. Und hier und da ein Knall, ein Klirren, ein Klecks dicken Bluts.


 

Olivier Dubois: Prisonnier du désert. 711 jours aux mains d’Al-Qaïda. Michel Lafon, Paris 2025. 368 S., Euro 19,95.

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